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Ethnografie · Philosophie · Reflexion

Als Frau nachts allein auf dem Heimweg: Angst zwischen Wissen im Diskurs und zwanghaftem Neurotisieren

Nächtliche Heimwege: Angst zwischen Wissen im Diskurs und zwanghaftem Neurotisieren

Ein Essay von Sarah Victoria Heinrich

Hinter mir fällt die Tür ins Schloss, es ist kurz nach Mitternacht, ich bin auf dem Heimweg. „Schreib mir kurz, wenn du sicher zu Hause angekommen bist“, sagte meine Freundin. Ich nickte, wir umarmten uns, dann entließ sie mich in die Nacht. An der ersten Kreuzung steuere ich gezielt einen kleinen Umweg an.
Er ist zwar etwas länger, aber dafür besser beleuchtet.

Permanent scanne ich in meinen Augenwinkeln die Umgebung. Mit einer Hand umschließe ich mein Handy, mit der anderen klimpere ich – absichtlich laut – mit meinem Schlüssel. Ich tue dies, obwohl ich längst noch nicht zu Hause bin. Ich weiß nicht genau, wann diese Bewegungen zur Routine wurden.
Ich weiß nur, dass ich mich nicht bewusst dafür entschieden habe. Es ist vielmehr ein Reflex, auf mein Unterbewusstsein, als Antwort auf ein nagendes, mulmiges Unbehagen.

Einem Unbehagen, dem ich zwar mit Vernunft zu begegnen versuche – indem ich es kleinrede, relativiere, rationalisiere –, dem ich schlussendlich aber doch nicht entkomme. Es ist dieses Unbehagen, nachts allein als Frau nach Hause gehen zu müssen.

Als ich bei mir zu Hause ankomme, fällt hinter mir die schwere Tür meines Gebäudekomplexes ins Schloss. Ich drücke die bereits in den Angeln liegende Tür noch einmal kurz zu – sicherheitshalber. Nichts passiert – und doch war sie da: Angst.

Als ich einige Zeit später meinem Partner von diesem permanenten Unbehagen auf nächtlichen Heimwegen erzähle, nickt dieser, wirkt verständnisvoll. Nach einer etwas längeren Pause sagt er jedoch: „Mhm – darüber musste ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken machen.“

Der Satz ist weder abweisend noch gleichgültig gemeint – und gerade darin liegt seine Tiefe. Er markiert keine Meinungsverschiedenheit, sondern vielmehr eine Leerstelle. Für ihn ist der nächtliche Heimweg kein Problem. – Für mich schon.

Welche Perspektive wird gehört? – Ausschließungsmechanismen bei Foucault

Die Nacht konstituiert sich daher nicht bloß als die Abwesenheit von Licht, sondern auch als Kulturraum, innerhalb dessen Machtverhältnisse, Normen und Wissensordnungen in verdichteter Form symbolisiert erscheinen und – teilweise längst zu vergessen geglaubte strukturelle Ungleichheiten – erneut sichtbar werden. Welche Perspektive im Diskurs gehört wird, ist Ausdruck dessen, was als Wissen und damit als Macht im Diskurs zählt.

Es scheint, dass die allgemeine Unzulänglichkeit auf nächtlichen nach Hausewegen Angst zu empfinden, den Diskurs um die Nacht selektiert, organisiert und dahingehend kanalisiert, was über die Nacht überhaupt gesagt und als legitim erachtet werden darf. 

Die Paradoxie der Angst: Zwischen neurotischem Zwang und Stabilisierung eines Narrativs

Und vielleicht haben sie ja recht, die Leute, die diese Angst als irrational abtun; denn das menschliche Urteilen scheint – auch nach Lacan – nicht mehr zu sein als eine inferentialistische Praxis des Gebens, Nehmens und Anerkennens von Gründen, welche schlussendlich nur den nie still werdenden Antagonismus des Unterbewusstseins am Leben zu halten versucht.

So sei die Angst in der Nacht nicht mehr als das neurotische Kreisen um eine ontologische Leerstelle innerhalb der Psyche, welche durch ein Narrativ – gespeist von Gehörtem, Erzähltem und Gesehenem – auf enigmatische Weise versucht, fehlende Erfahrung durch phantasmatische Szenarien dessen zu kompensieren, was auf dem Nachhauseweg alles geschehen könnte.

Nimmt man hierzu noch die Position Freuds, wäre die wiederholt empfundene Angst auf nächtlichen Nachhausewegen vielleicht vielmehr der Genuss der Psyche, sich selbst als leidend zu erleben – ein libidinöses Leiden, wie Freud schreibt –, obwohl man zugleich wünschte, diese Angst nicht zu haben.

Könnte es also sein, dass das im Dunkeln empfundene Unbehagen paradoxerweise Halt gibt, da sie im Endeffekt eine Stabilisierung des Unterbewusstseins hervorruft? Quasi eine Festigung für ein irrationales Phantasma, welches man selbst zwar noch nie erlebt hat, jedoch aufgrund des bloßen Empfindens der Angst zur Wirklichkeit wird?

Denn würde die Angst nicht immer wieder die neurotischen Züge des Unterbewusstseins bestätigen, müsste man sich wohl selbst eingestehen, dass das eigene Narrativ über das bedrohliche und unheimliche Heimgehen in der Nacht unwahr sei.

Dies scheint auch Kafka anzudeuten, wenn er es als menschliches Dilemma begreift, dass wir durch zwanghaftes Neurotisieren enigmatische Leerstellen zu kompensieren versuchen. Die Notwendigkeit zu neurotisieren sei unser Wesenselement als Menschen; sodass die wohl einfachste Lösung zu sein scheint: „Sie müssen einfach keine Angst mehr haben, wenn das Gespenst zu einem kommt, denn die eigentliche Angst ist die Angst vor der Ursache der Angst.“ (Kafka 1983:38).

Das Sagbare und das Verdrängte im Diskurs um die Nacht

Deshalb haben die Leute vielleicht recht, wenn sie sagen, dass die Angst, nachts alleine nach Hause gehen zu müssen, nur zwanghaftes Neurotisieren um die Leerstelle von Signifikanten ist, damit schlussendlich das eigene Narrativ über die Nacht wahr bleibt.

Jedoch spricht auch bei Foucault am Ende der Wahnsinnige – in all seiner Naivität – die Wahrheit. Bloß scheint die Gesellschaft Wahrheit meist nur dort zu erkennen, wo diese selbst einen referenziellen Bezug findet. 

Und obgleich man Angst als verwertbaren Beweisgegenstand im Kampf um die Wahrheit des Diskurses über die Nacht als Kulturraum nicht gewichten mag, ist die eigentliche Frage eine andere: Welche Perspektive wird im gesellschaftlichen Diskurs über die Nacht gehört und ernst genommen?

Denn würde das Gesagte des Wahnsinnigen – hier des Ängstlichen – wie bei Foucault Gehör finden, dann wäre die nächtlich empfundene Angst wohl weniger ein fehlender referenzieller Bezug zur Wirklichkeit als vielmehr das Aufzeigen eines strukturellen Problems, welches geschlechtsspezifische Dysbalancen und Machtverhältnisse offenbart. Gerade die Erkenntnis, dass sich nicht jeder diese Gedanken machen musste, verweist auf die Asymmetrie diskursiver Strukturen und enthüllt schlussendlich einen Konflikt mit der vorherrschenden dominierenden Wissensordnung.

Fazit

Die Nacht ist daher nicht die bloße Abwesenheit von Licht, sondern die Offenbarung tatsächlich existierender Machtverhältnisse, die noch immer bestimmen, welche Perspektive gehört und welche als „Wahnsinn“ abgetan wird. 

Sie verweist auf strukturelle Ungleichheiten, die Frauen zwar zunehmend zugestehen, über ihre Angst sprechen zu dürfen, ihnen jedoch trotz dieses Rederechts nicht immer einen vollen Subjektstatus als zurechnungsfähige Diskursteilnehmerinnen einzuräumen scheint. 

Die Angst vor der Nacht mag in Teilen das zwanghafte Neurotisieren eines gesellschaftlich verbreiteten Narrativs sein, für das das individuelle Unbewusste fortwährend Belege zu sammeln scheint; – jedoch eben auch eine Frage diskursiver Machtverhältnisse.

Die Nacht endet nicht am Morgen. Sie setzt sich fort in Diskursen, in denen sich zeigt, welche Perspektive gehört, welche Wirklichkeit sichtbar gemacht wird – und welche weiterhin im Dunkeln bleibt.

Bibliografie

Foucault, Michel (1972): Die Ordnung des Diskurses. München.
Foucault, Michel (1992): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main.
Kafka, Franz (1983): Erzählungen. In: Brod, Max (Hrsg.): Franz Kafka. Gesammelte Werke. Frankfurt am Main.
Lacan, Jacques (1978): Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch II. Paris. Deutsche Ausgabe: Wien 2015.
Lacan, Jacques (1998): Die Bildung des Unbewussten. Das Seminar, Buch V (1957–1958). Paris. Deutsche Ausgabe: Wien 2006.
Lacan, Jacques (2004): Die Angst. Das Seminar, Buch X (1962–1963). Paris. Deutsche Ausgabe: Wien/ Berlin 2010.